Theater am Quirinus

Schülertheater am Quirinus-Gymnasium

1. Schülertheater in der Jesuitenschule

Schon am Neusser Jesuiten-Gymnasium, einem Vorläufer des heutigen Quirinus-Gymnasiums, legte man großen Wert auf Theateraufführungen, wie man in den Berichten der Jesuiten über ihre Tätigkeit in Neuss nachlesen kann. Diese lateinischen Berichte sind unter dem Titel „Litterae Annuae“ überliefert und von Peter Stenmans 1966 in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht worden.

Bereits im Jahresbericht von 1617 –  das heißt, ein Jahr nach der Übernahme der Lateinschule durch die Jesuiten  –  wird der Erfolg der Theaterarbeit hervorgehoben:

„Zweimal traten die Schüler öffentlich unter Beifall und Anerkennung der Stadt auf der Bühne auf.“ Darüber war der Rat der Stadt so erfreut, „dass er zweimal einen angesehenen Mann zur Jesuitenschule schickte. Der Beifall des Volkes war groß; man wunderte sich, dass die Neusser Jugend in wenigen Monaten in Wissenschaft und guten Sitten solche Fortschritte hatte machen können.“  (Stenmans S. 21)

Bevorzugter Inhalt der Stücke waren Heiligenlegenden und sonstige religiöse Stoffe. 1626 wurde ein Quirinus-Stück aufgeführt. Die Sprache der Dramen war in der Regel Latein; 1640 kam in Neuss aber auch ein Stück auf Deutsch zur Aufführung.

2. Die Zeit nach den Jesuiten bis 1980

Die Theaterarbeit am Neusser Gymnasium setzte sich nach der Jesuitenzeit offenbar nicht in erwähnenswertem Umfang fort – zumindest haben wir keine Kenntnis davon. Immerhin wurde zwischen 1950 und 1980 am „Quirinus“ gelegentlich auch Theater gespielt, wie man in den alten Ausgaben unserer Schulzeitung  nachlesen kann, die seit 1958 erscheint und praktisch eine moderne Wiederaufnahme der Jesuitenberichte ist.
In Heft 3/1959 wird zum ersten Mal von der Theateraufführung einer Schülergruppe berichtet:
„Nach einer langen Pause wurde Anfang September an unserer Schule wieder ein Schauspiel aufgeführt. Schüler der O I d  spielten vor Mitschülern der Ober-stufe J. B. Priestley’s  ‚Ein Inspektor kommt‘  in englischer Sprache.“ (S. 28) Die Schüler studierten das Stück ohne Hilfe eines Lehrers ein.

Der 200. Todestag von Friedrich Schiller am 10. November 1959 wurde zum Anlass für eine große Schulfeier im Zeughaus genommen. Neben Musik und einer Festrede gab es Auszüge aus Wilhelm Tell„, gespielt von der O III c unter der Regie ihres Klassenlehrers Wilhelm Schepping. Es lohnt sich aus dem interessanten Bericht einiger Schüler über das Unternehmen „Wilhelm Tell“ zwei kurze Passagen zu  zitieren:
„ . . .  Nun blieb uns nur noch die Sorge, wie wir den Apfelschuß ausführen sollten. Auf die Kunstfertigkeit unseres Hauptdarstellers wollten wir uns doch lieber nicht verlassen. – Auch hier fanden wir eine gute Lösung: Auf ein Zeichen Tells, der mit gespannter und angelegter Armbrust auf dem Boden kniete, musste „sein Sohn“ den Apfel durch Kopfnicken dazu bewegen, hinter die Kulissen zu rollen, dann hinter sich greifen und einen Zwillingsbruder des Apfels, der bereits von einem Pfeil durchbohrt dort lag, an sich nehmen.  . . .

Ja, und dann war es so weit: der Tag der Aufführung war gekommen.  . . . Die Zeit verging uns wie im Fluge. Nur einmal schien sie stillzustehen, und zwar, als wir befürchten mussten, Geßler (der Repräsentant des deutschen Kaisers) habe den Apfel vergessen. Wir atmeten erleichtert auf, als er ihn schließlich doch aus der Tasche zerrte, in der er sich verklemmt hatte. Als aber Geßler hinter sich wies und rief: ‚Man bind‘ ihn an die Linde dort!‘, schallte allgemeines Gelächter durch den Saal: in der Gegend stand nur eine kümmerliche Topfpflanze!“ (Q 4/1960, S. 29 – 30)

Im September 1979 gab es zur Einweihung der neuen Schulgebäude an Breite Straße und Sternstraße auch einen Theaterabend. Hermann Gabel hatte mit seinen Schülern die „Menaechmi“, eine Komödie des römischen Dichters Plautus, auf Latein einstudiert, die so viel Beifall fand, dass sie wiederholt werden musste.

3. Quirinus-Theater beim Festakt „2000 Jahre Neuss“

Trotz dieses Erfolges fand der Theater-Chronist  erst wieder in Q 25 /1984 die Erwähnung eines Theaterstücks in einem Artikel über das Schulfest, das am 1. Juli 1983 stattgefunden hatte. Es war wieder eine Komödie mit römischer Thematik, die allerdings überwiegend auf Deutsch gespielt wurde und auch nicht aus der Antike überliefert war. Vielmehr hatte ein damals noch recht neuer Quirinus-Lateinlehrer namens Hamacher seine Phantasie und die seiner Klasse etwas schweifen lassen. Und sie hatten Glück: Es machte dem Publikum in der Aula offenbar Spaß – und nicht nur dort.

Wenig später hieß es, die Stadt Neuss suche für ihr zweitausendjähriges Jubiläum im Jahr 1984 noch ein von Schülern aufgeführtes Stück zum Thema ‚Rom‘, das den offiziellen Festakt in der Stadthalle etwas auflockern sollte. Wir hatten uns schnell entschieden, dass das Auflockern für uns alle ganz amüsant und für den Ruf unserer Schule nicht schlecht sein könnte. Und so wurde das Stück auf den neuen Anlass hin etwas zugeschnitten, und so spielten wir dann „Die Römer kommen“ nicht mehr in unserer vertrauten Aula, sondern beim Festakt in der Stadthalle in Anwesenheit des Bundespräsidenten, des italienischen Botschafters, des Neusser Bürgermeisters und vieler anderer wichtiger Persönlichkeiten. Sie alle wollten dem 2000-jährigen Neuss zum Geburtstag gratulieren, aber niemand ahnte, was ihn bei der Feier so alles erwartete.

Die WZ schrieb dazu: „Das könnte die Geschichte von Neuss sein, ginge es nach den Schülern des Quirinus-Gymnasiums, genauer gesagt der Quarta A, die sich gestern mit der heiteren Klamauködie „Die Römer kommen“ an dem Festakt aus Anlaß des Stadtfestes beteiligten und – wer hätte es geglaubt – nach all den feierlichen Reden nicht nur eine erfrischende Abwechslung boten, sondern auch noch wahre Beifallsstürme auslösten.“ (Ausgabe 24. März 1984)

Und zum gleichen Datum war in der NGZ zu lesen: „Römisches Neuss, verquickt mit aktuellen Szenen aus dem schützenfestlichen Bereich der Quirinus-Stadt, hatte sich die Quarta A des Quirinus-Gymnasiums ausgetüftelt. Nach Texten von Dr. Johannes Hamacher brachten die Dreizehn- bis Vierzehnjährigen „eine historische Klamauködie aus der Neusser Frühzeit“. Der Ruf  „Die Römer kommen“ verschreckte die Neusser Germanen an Rhein und Erft keineswegs. „Suure Kappes“ als novaesianisches Spezialprodukt, eine „wissenschaftliche“ Einführung von Detlev Neubauer alias Professor von Wäniken ließen manchen schwarzgekleideten Festteilnehmer begeistert auf seine Schenkel klatschen.“

Was die Aktiven natürlich freute. Wichtiger aber war noch, dass der Erfolg des kleinen Stücks zu einer Wiederbelebung des Schülertheaters in den folgenden Jahren beitrug.

Die Unterstufe machte nach ihrem Auftritt in der Stadthalle weiter mit einer Parodie auf die Aeneas-Sage, die beim Schulfest 1985 unter dem Titel „Aeneas in der Unterwelt“  vor einem erwartungsvollen Publikum aufgeführt wurde.

4. Der Theaterboom

Bald zeigte sich auch die Oberstufe vom Theatervirus angesteckt. 1987 wurde von Heinz Calinski und Matthias Krüger eine neueTheater-AG ins Leben gerufen  und es dauerte nicht lange, bis die ersten Projekte Gestalt annahmen. Die Wahl fiel auf zwei Antikriegsstücke: „Picknick im Felde“ von Fernando Arabal und „Die japanischen Fischer“, ein Hörspiel von Wolfgang Weyrauch. Am 2. Februar 1988 wurden beide Stücke in der vollbesetzten Aula aufgeführt und auch die Wiederholung im Rheinischen Landestheater wurde ein großer Erfolg.

Danach ging es Schlag auf Schlag: Heinz Calinski und Matthias Krüger brachten 1989 die Komödie „Das Haus in Montevideo“ von Kurt Götz auf die Bühne. Sie wurde ebenso begeistert aufgenommen wie das Dürrenmatt-Stück Ein Engel kommt nach Babylon“. Übertroffen wurde dieser Doppelerfolg noch von Dürrenmatts „Physikern“, die zum Schuljubiläum 1991 unter der Regie von Matthias Krüger aufgeführt wurden und die jungen Schauspieler bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten forderten.

Thematisch auf das Jubiläum und die anstehende Öffnung des Quirinus-Gymnasiums für Mädchen abgestimmt waren zwei andere Stücke: „Szenen aus der Schulgeschichte“, mit denen Oberstufenschüler unter der Regie von Dr. Weber die Lachmuskeln bis aufs Äußerste reizten, und Der Raub der Quirinerinnen“, mit dem die Unterstufen-AG und der inzwischen nicht mehr ganz so neue Lateinlehrer, der dafür aber ganz neuer Schulleiter war, das Thema „Koedukation“ in die römisch-germanische Vergangenheit verlegt hatte.

Insgesamt also viel zu sehen für das Quirinus-Publikum, aber auch für andere Auditorien: 1991 wurde die Unterstufengruppe mit einem Auszug aus dem „Raub der Quirinerinnen“ zur Abschlussfeier des altsprachlichen Wettbewerbs Certamen Carolinum  nach Aachen eingeladen. Weitere „Gastspiele“ folgten: beim Xantener Römerfest 1994 mit dem Sketch In Colosseo“ und bei einer Fremdsprachentagung des Regierungspräsidenten in Düsseldorf  mit dem Stück „Besucher aus der Unterwelt“, einer aktualisierten Fassung von Nicodemus Frischlins Komödie „Iulius redivivus“ aus dem 16. Jahrhundert.

Seine Uraufführung hatte das Stück bereits bei der Abschlussfeier des nordrhein-westfälischen Bundeswettbewerbs Latein 1995, die im Quirinus-Gymnasium stattfand. Zum Rahmenprogramm der Feier gehörten zudem  Auszüge aus den „Menaechmi“ des Plautus, die Herr Korfmacher mit seiner Klasse einstudiert hatte.

Auch die Oberstufe übte sich zu dieser Zeit  nicht in Theater-Abstinenz: 1994 brachte Heinz Calinski mit seinen Schülern „Andorra“ von Max Fritsch auf die Bühne und 1994 / 1995 präsentierten zwei Literaturkurse von Herrn Remmen  das schauspielerische Ergebnis ihrer Arbeit: Carlo Goldonis Komödie „Diener zweier Herren“ und Gilles Segals „Der Puppenspieler von Lodz“.

Und die Zahl der Theater-Aktiven erhöhte sich 1995 noch weiter: Das erste Musical, eine Fassung des „Dschungelbuchs“ von Ruduard Kipling  hatte in der Aula unter der Leitung von Matthias Güdelhöfer und Ruth Krekel Premiere. Es wurde ein Riesenerfolg, zu dem Frau Köhlers professionelles Bühnenbild und ihre fantasievollen Kostüme wesentlich beitrugen.

Bei den Projekttagen 1996 folgte gleich ein weiteres Kinder-Musical: „Benni boxt nie“ wurde unter der Leitung von Matthias Güdelhöfer wieder ein voller Erfolg. Parallel dazu zeigte die Theater-AG der Unter- und Mittelstufe eine Neufassung der Mythenparodie „Aeneas in der Unterweltvon 1985.

1996 inszenierte Heinz Calinski Dürrenmatts historische Komödie „Romulus der Große“. Durch manchen kreativen Regieeinfall bereichert, wurde die Aufführung zu einem begeisternden Theatererlebnis. 1997 folgte „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder und 1998 Heinz Calinskis letztes Theater-Projekt, das Stück „Prinz und Bettelknabe“ nach einer Erzählung von Marc Twain. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er dieses Stück nicht mehr zu Ende führen, eine Aufgabe, die Frau Lindenberg und der Verfasser dieser Zeilen übernahmen.

Dieselbe Theater-Truppe führte 1998 auch George Bernard Shaws Komödie „Caesar und Kleopatra“ auf und 1999 scharte Giselas Brauwers eine AG um sich, mit der sie das Stück „Einladung ins Schloss“ von Jean Anouilh spielte. Über all diese Aktivitäten schrieb Frau Brauwers auch einen Artikel für die Schulzeitschrift mit dem treffenden Titel „Ganz schön viel Theater am Quirinus“ (Heft 37, 1998, S. 59 – 61).

Zu dem vielen schönen Theater gehörte inzwischen auch eine neue Unterstufen-Theater-AG, mit der Ruth Prien seit 1993 Reihe von – zum Teil auch selbst getexteten – Märchenstücken aufführte, beginnend mit „Ali Baba und die vierzig Räuber“ über den „Gestiefelten Kater XX“, „Elfenpunk“ und  „Nussknacker und Mäusekönig“ bis zu „Pinocchio“ (2012).

Weiter bereichert wurde die Quirinus-Theaterlandschaft durch eine Theatergruppe, mit der Dr. Hinz 2004 Frank Wedekinds Tragödie „Frühlings Erwachen“, 2005 Ödön von Horvaths Volksstück „Kasimir und Karoline“ und 2006 Nestroys Posse „Der Talisman“ spielte.

Außerdem fanden sich unter der Leitung des Quirinus-Schülers Edwin Schulz (gleichzeitig Regisseur, Texter und Komponist) Schüler und Schülerinnen mehrerer Gymnasien zusammen, die 2005 die beiden Musicals „Summer of 1969″ und „Live a Dream“ auf die Aula-Bühne brachten.

Die Schüler des Berichtenden spielten immer wieder kleinere Stücke und Sketche:  „Ein Hirtenspiel“ (1986 und 2009), „Ubi est Quirinus?“ (2009), eine Quirinus-„Feuerzangenbowle“ (2009) und zur Einweihung der neuen Mensa „Cook and Chill oder Mensa sana pro corpore sano (2010). Außerdem gab es auch hier abendfüllende Schauspiele:

2002: William Shakespeare: „Was ihr wollt;

2005: Friedrich Dürrenmatt: „Romulus der Große“;

2007: George Bernard Shaw: “Pygmalion”;

2010:  J. B. Priestley: „Ein Inspektor kommt“;

2012: „Orpheus in der Unterwelt – Komödie mit Musik und Neuss-Appeal  sehr frei nach Jacques Offenbach„. Musikalische Leitung: Johannes Blens (Sinfonisches Blasorchester) und Florian Lutgen (Solo-Stimmen, Chor und Klavierbegleitung)

Die aufwändigste Inszenierung aber war „Das Quirinusical oder: Wie Quirinus Neusser wurde“, konzipiert als ein Beitrag des Quirinus-Gymnasiums zum Quirinus-Jahr 2000, in dem man 950 Jahre Quirinus-Verehrung in Neuss feierlich beging. Die Legende von der Überführung der Reliquien des Heiligen nach Neuss wurde sehr frei als Komödie mit Musik bearbeitet. Moderne Anspielungen, durch die den Neussern auch gelegentlich der Spiegel vorgehalten wurde, und viele komödiantische Elemente trugen ebenso wie die Musik – Dr. Güdelhöfer mit dem Unterstufenchor und Herr Joswowitz mit seiner BigBand – zum Erfolg des Stückes bei, das im Jubiläumsjahr immer wieder – auch bei offiziellen Terminen – aufgeführt wurde.

(Anmerkung / Fußnote:)

Das Stück liegt auch gedruckt vor: “ J. Hamacher: „Das Quirinusical oder: Wie Quirinus Neusser wurde“, Neuss 2000.

Fast schon unnötig  zu erwähnen, dass das beeindruckende Bühnenbild und die prächtigen Kostüme von Frau Köhler-Burtscheidt entworfen und angefertigt wurden, wie das bei fast allen oben genannten Stücken der Fall war. Frau Köhler hat damit rund 35 Jahre lang das Erscheinungsbild unseres Schülertheaters entscheidend mitgeprägt. Für ihre ebenso professionelle wie zeitraubende Arbeit gilt ihr mein ganz besonderer Dank.

Danken möchte ich auch Frau Kleinebeck-Lindenberg und Frau Prien, die mich viele Jahre bei der Regiearbeit unterstützt haben und mir dadurch erst die Möglichkeit gaben, mit dem Schülertheater auch als manchmal gestresster Schulleiter eine meiner Lieblingsbeschäftigungen fortzusetzen.

Fortgesetzt wird auch in Zukunft das Schülertheater am Quirinus-Gymnasium. Frau Prien bereitet zur Zeit eine Aufführung von Molières Komödie „Der Geizige“ vor. Allen Beteiligten wünsche ich viel Erfolg!

18. 3. 2013 Dr. J. Hamacher

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