Theater – ein Überblick

Schülertheater am Quirinus-Gymnasium 1616 – 2013

1. Die Anfänge

 Schon an der Neusser Jesuiten-Schule, einem Vorläufer des heutigen Quirinus-Gymnasiums, legte man großen Wert auf Theateraufführungen. Bevorzugter Inhalt waren Heiligenlegenden und sonstige religiöse Stoffe. 1626 wurde ein Quirinus-Stück aufgeführt. Die Sprache der Dramen war in der Regel Latein.

Nach der Jesuitenzeit finden sich bis etwa 1980 nur wenige Hinweise auf Schülertheater-Aufführungen am Quirinus-Gymnasium. In der Schulzeitschrift „Q“ (gegründet 1958) wird in Heft 3 / 1959 zum ersten Mal von einer Theateraufführung einer Schülergruppe berichtet: Schüler der O I d  spielten ohne Hilfe eines Lehrers J. B. Priestley’s  „An Inspector Calls“  in der Originalsprache. (S. 28).

Der 200. Todestag von Friedrich Schiller am 10. November 1959 wurde zum Anlass für eine große Schulfeier im Zeughaus genommen. Neben Musik und einer Festrede gab es Auszüge aus Wilhelm Tell„, gespielt von der O III c unter der Regie ihres Klassenlehrers Wilhelm Schepping. Wie viel Spaß die Schüler hatten – zum  Beispiel mit der komplizierten Technik des Apfelschusses, der realistisch und dabei völlig ungefährlich sein musste – zeigt schon ein kurzer Auszug aus ihrem Bericht in Q 4 / 1960, S. 29-30: „Auf ein Zeichen Tells, der mit gespannter und angelegter Armbrust auf dem Boden kniete, mußte „sein Sohn“ den Apfel durch Kopfnicken dazu bewegen, hinter die Kulissen zu rollen, dann hinter sich greifen und einen Zwillingsbruder des Apfels, der bereits von einem Pfeil durchbohrt dort lag, an sich nehmen.“

1976 brachte Reinhard Granz Mozarts frühe Kurz-Oper „Bastien und Bastienne“ auf die Bühne, eine Aufführung, die musikalisch wie darstellerisch überzeugte. Bewunderung erregte auch die aufwändige Ausstattung, mit der Elisabeth Köhler ihre engagierte, unverwechselbare Theaterarbeit am Quirinus-Gymnasium begann.

Im September 1979 gab es zur Einweihung der neuen Schulgebäude an Breite Straße und Sternstraße endlich auch einen Theaterabend. Hermann Gabel brachte mit seinen Schülern die „Menaechmi“, eine Komödie des römischen Dichters Plautus, im originalen Latein so überzeugend auf die Bühne, dass sie wiederholt werden musste (Q 21 / 1980).

2.: „Die Römer kommen“ zum Stadtjubiläum 2000 Jahre Neuss

Die nächste Fundstelle zum Thema „Schülertheater“ fand der Chronist dieses Theater-Überblicks in Q 25 /1984 in einem Artikel über ein Schulfest am 1. Juli 1983, zu dem er selbst – damals als neuer Lateinlehrer – mit seinen Quintanern die kleine Komödie „Die Römer kommen“ beigetragen hatte. Sie machte dem Publikum offenbar Spaß. Und so kam es, dass wir im nächsten Jahr das Stück in leicht geänderter Fassung noch mehrmals spielten, unter anderem allem beim offiziellen Festakt „2000 Jahre Neuss“, der u.a. in Anwesenheit des Bundespräsidenten und des italienischen Botschafters in der Stadthalle zelebriert wurde, wobei wir die Aufgabe hatten, die Veranstaltung etwas aufzulockern. Das endete, wie man der Presse entnehmen konnte, in „wahren Beifallsstürmen“ (WZ 24.3.1984) und die NGZ berichtete am selben Tag von manchem „schwarz gekleideten Festteilnehmer“, der „begeistert auf seine Schenkel klatschte“. Was die Aktiven natürlich freute. Wichtiger aber war noch, dass der Erfolg des kleinen Stücks offenbar zu einer Wiederbelebung des Schülertheaters am Quirinus in den folgenden Jahren beitrug.

3. Und so ging es weiter

Die Unterstufe machte beim Schulfest 1985 weiter mit „Aeneas in der Unterwelt“,  einer Parodie auf die Gründungssage Roms. Bald war auch die Oberstufe nicht mehr zu halten. Heinz Calinski und Matthias Krüger inszenierten 1988 mit einer Oberstufen-Theater-AG mit großem Erfolg die beiden Antikriegsstücke „Picknick im Felde“ von Fernando Arabal und „Die japanischen Fischer“ von Wolfgang Weyrauch. 1989 machte die Oberstufe und ihre beiden Regisseure weiter mit der Komödie „Das Haus in Montevideo“ von Kurt Götz und dem Dürrenmatt-Stück Ein Engel kommt nach Babylon“ im folgenden Jahr. Diesen begeistert aufgenommenen Stücken standen Dürrenmatts „Physiker“, die 1991 unter gleicher Regie beim 375-jährigen Jubiläum unserer Schule aufgeführt wurden, in nichts nach. Das  anspruchsvolle Stück forderte die jungen Schauspieler bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

4. Die Mädchen kommen: ein Fortschritt auch fürs Theater

Thematisch auf das Jubiläum 1991 und die bevorstehende Öffnung des Quirinus-Gymnasiums für Mädchen abgestimmt waren zwei andere Stücke: Oberstufenschüler spielten, unterstützt  von Heinz Calinski und Dr. Weber, turbulente „Szenen aus der Schulgeschichte“, zu denen Oliver Boss den Text geschrieben hatte. Die Unterstufen- AG verlegte in ihrem Stück „Der Raub der Quirinerinnen“ das Thema „Koedukation“ in die römisch-germanische Vergangenheit von Neuss. Regie führte wieder der bereits erwähnte Lateinlehrer, der jetzt allerdings als Lehrer nicht mehr so neu, dafür aber als Schulleiter ganz neu war.

Im selben Jahr wurde die Unterstufengruppe mit einem Auszug aus dem „Raub der Quirinerinnen“ zur Abschlussfeier des altsprachlichen Wettbewerbs Certamen Carolinum  nach Aachen eingeladen. Weitere Einladungen folgten: zum Xantener Römerfest 1994 mit dem Sketch In Colosseo“ und zu der nordrhein-westfälischen Abschlussfeier des Bundeswettbewerbs Latein 1995, die diesmal am Quirinus stattfand. Zum Rahmenprogramm der stimmungsvollen Feier gehörten Auszüge aus den „Menaechmi“ des Plautus, die Peter Korfmacher mit seiner Klasse einstudiert hatte, sowie die gekürzte und aktualisierte Fassung einer Komödie aus dem 16. Jahrhundert mit dem Titel „Iulius redivivus“ (Verfasser: Nicodemus Frischlin).

Ganz schön viel Theater“

Beim Schulfest 1994 gab es eine Menge Unterstufentheater, dabei auch Auszüge aus den Musicals „Gockel-Rag“ (Ltg. Ruth Hinckers) und „Starlight Express“ in der Regie von Albert Schovenberg. Einer der Höhepunkte war auch das Singspiel „Ali Baba und die 40 Räuber“, das wie „Starlight Express“ ein zweites Mal aufgeführt werden musste.

Mit seiner Oberstufentruppe  brachte Heinz Calinski 1994 „Andorra“ von Max Frisch auf die Bühne und 1994 / 1995 präsentierten zwei Literaturkurse von Herrn Remmen  das Ergebnis ihrer Arbeit: Carlo Goldonis Komödie „Diener zweier Herren“ und Gilles Segals „Der Puppenspieler von Lodz“.

Und die Zahl der Theater-Aktiven erhöhte sich in dieser Zeit noch weiter. Großen Beifall erntete das Musical „Das Dschungelbuch“ in der Fassung von Ruduard Kipling, das unter der Leitung von Matthias Güdelhöfer dreimal in der voll besetzten Aula gespielt wurde. Ähnlich erfolgreich war auch das Kinder-Musical, „Benni boxt nie“das Matthias Güdelhöfer schon im folgenden Jahr präsentierte. Parallel dazu zeigte die Theater-AG der Unter- und Mittelstufe eine Neufassung der Mythenparodie „Aeneas in der Unterweltvon 1985.

1996 inszenierte Heinz Calinski Dürrenmatts historische Komödie „Romulus der Große“, die er durch manchen kreativen Regieeinfall bereicherte. 1997 folgte „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder und 1998 Heinz Calinskis letztes Theater-Projekt, das Stück „Prinz und Bettelknabe“ nach einer Erzählung von Marc Twain. Aus gesundheitlichen Gründen konnte Herr Calinski diese Arbeit nicht mehr zu Ende führen, was von Frau Lindenberg und dem Chronisten dieser Zeilen übernommen wurde.

Schauspielerisch besonders überzeugend war die Besetzung der kurz nach nach „Prinz und Bettelknabe“ in Angriff genommenen Komödie „Caesar und Kleopatra“ von George Bernard Shaw. 1999 scharte auch Frau Brauwers eine AG um sich, mit der sie das Stück „Einladung ins Schloss“ von Jean Anouilh spielte. Über all diese Aktivitäten schrieb Frau Brauwers auch einen Artikel für die Schulzeitschrift mit dem treffenden Titel „Ganz schön viel Theater am Quirinus“ (Heft 37 / 1998, S. 59 – 61).

Zu dem vielen Theater gehörte bald auch eine neue Unterstufen-AG, die unter der Leitung von Ruth Prien vor allem eine Reihe von Märchenstücken aufführte, deren Texte sie zum Teil selbst schrieb oder bearbeitete:

–  „Flieg zum  Regenbogen“  (2001)
–   „Das Gespenst von Canterville“ (2002; nach Oscar Wilde)
–   Der Gestiefelte Kater Stanislaus“ (2004)
   „Elfenpunk“ (2005)
–   „Eselshaut“ (2006)
–  „Nussknacker und Mäusekönig“
(2008)
–  „Pinocchio“
(2012).
Hinzu kamen Improvisationstheater („Traumtheater“, 2009) und ein Tanzstück nach Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ (2009).

2004 – 2006  wurde die Theaterlandschaft weiter bereichert durch eine Schauspieltruppe von  Dr. Hinz, die Frank Wedekinds Tragödie „Frühlings Erwachen“, Ödön von Horvaths Volksstück „Kasimir und Karoline“ und Nestroys Posse „Der Talisman“ spielte.

Außerdem fanden sich unter der Leitung des Quirinus-Schülers Edwin Schulz (gleichzeitig Regisseur, Texter und Komponist) Schüler und Schülerinnen mehrerer Gymnasien zusammen, die 2005 die beiden Musicals „Summer of 1969″ und „Live a Dream“ auf die Aula-Bühne brachten.

Die Schüler des Berichterstatters spielten mehrere kleine Stücke und Sketche wie  „Ein Hirtenspiel“ (1986 und 2009), „Ubi est Quirinus?“, die „Quirinus-Feuerzangenbowle“ (2009) und „Cook and Chill oder Mensa sana pro corpore sano“ , zum Teil abgestimmt auf besondere Ereignisse wie die Einweihung der neuen Mensa und die Immer-noch-nicht-Einweihung der renovierten naturwissenschaftlichen Räume. Außerdem gab es auch hier eine Reihe abendfüllender Theaterstücke:

2002: William Shakespeare: „Was ihr wollt

2005: Friedrich Dürrenmatt: „Romulus der Große“

2007: George Bernard Shaw: “Pygmalion”

2010:  J. B. Priestley: „Ein Inspektor kommt“

2012: „Orpheus in der Unterwelt – Komödie mit Musik und Neuss-Appeal  sehr frei nach Jacques Offenbach„, das letzte Theaterprojekt des jetzt auch als Schulleiter nicht mehr neuen Lateinlehrers. Das „Neuss-Appeal“ hatte vor allem mit dem Neusser Bürgermeister als Diener Plutos in der Unterwelt zu tun. Die Musik stand unter der Leitung von Johannes Blens und Florian Lutgen.

6. Quirinus-Jubiläum 2000: „Das Quirinusical“

Die aufwändigste Inszenierung dieser Jahre war „Das Quirinusical oder: Wie Quirinus Neusser wurde“, konzipiert als ein Beitrag unserer Schule zum Quirinus-Jahr 2000, in dem man 950 Jahre Quirinus-Verehrung in Neuss feierlich beging. Die Legende von der Überführung der Reliquien des Heiligen nach Neuss wurde sehr frei als Komödie mit Musik präsentiert. Moderne Anspielungen auf Neuss und die Neusser und viele komödiantische Elemente trugen ebenso wie die Musik (Leitung Dr. Güdelhöfer und Herr Joswowitz) zum Erfolg des Stückes bei, das im Jubiläumsjahr immer wieder – auch bei offiziellen Terminen – aufgeführt wurde. (Textausgabe: Johannes Hamacher: „Das Quirinusical oder: Wie Quirinus Neusser wurde“, Neuss 2000.)

Fast schon unnötig  zu erwähnen, dass das besonders beeindruckende Bühnenbild und die prächtigen Kostüme von Frau Köhler-Burtscheidt entworfen und angefertigt wurden, wie das bei fast allen oben genannten Stücken der Fall war. Frau Köhler hat damit rund 35 Jahre lang das Erscheinungsbild unseres Schultheaters entscheidend mitgeprägt. Für ihre professionelle und zeitraubende Arbeit gilt ihr mein ganz besonderer Dank.

Danken möchte ich auch Frau Kleinebeck-Lindenberg und Frau Prien, die mich viele Jahre bei der Regiearbeit unterstützt haben und mir dadurch erst die Möglichkeit gaben, mit dem Schülertheater auch als manchmal etwas gestresster Schulleiter eine meiner Lieblingsbeschäftigungen fortzusetzen.

Und es wird weiter Theater gespielt am Quirinus: Frau Prien führte 2013 kurz vor dem Ende des Schuljahrs Moliéres „Der Geizige“ auf und wird sich wohl auch in Zukunft um das Schülertheater kümmern. Und bestimmt werden auch andere Lehrerinnen und Lehrer die Aulabühne als ihren Lieblingsplatz in der Schule entdecken. Ich kann nur dazu raten.

Von einigen Stücken gibt es im übrigen dank der Initiative von Herrn Zander Auszüge aus Video-Aufnahmen, die man sich hier im Internet ansehen kann. Und wenn es Herrn Zanders Zeit erlaubt, werden vielleicht in Zukunft noch einige Ausschnitte hinzukommen.

J. Hamacher